Entgegen der Freihandelsdoktrin hatten Industrieländer seit den 60er Jahren im GATT-Handelsregime Ausnahmeregeln gegen Textil- und Bekleidungs (T&B)-Importe aus Entwicklungs- und Schwellenländern festgeschrieben. Mit Mengenbeschränkungen (Quoten) gegen Billigimporte schützten sie die Restbestände ihrer eigenen T&B-Industrien, nachdem das Gros der arbeitsintensiven Produktion aus Kostengründen in Länder des Südens verlagert worden war. Der dortige Zugewinn an Millionen von Arbeitsplätzen wurde von einer Erosion zuvor sozial geschützter Beschäftigung dieser Industrie begleitet. Ein Großteil der Produktion fand in »Freien Exportzonen« und der wachsenden Schattenwirtschaft statt, in denen die mehrheitlich weiblichen Beschäftigten weitgehend sozial ungeschützt - informell - arbeiteten. In den Industrieländern verblieben kapitalintensive Teile der T&B-Produktion wie Designentwicklung und Marketing. Im Zuge der neuen internationalen Arbeitsteilung bildeten sich Wertschöpfungsketten heraus, an deren Spitze Handelsunternehmen und Markenhersteller stehen, die über ein weit verzweigtes globales Beschaffungssystem die Produktion in den Ländern des Südens steuern.
Das Quotensytem des GATT beschleunigte die Internationalisierung der T&B-Produktion und ließ diese Industrie zu einem Paradebeispiel für die sozialen und wirtschaftlichen Widersprüche der neoliberalen Globalisierung werden.
Das Multifaserabkommen (MFA) von 1974 sah jährlich festzulegende Quoten für T&B-Exporte von Entwicklungsländern in Industrieländer vor. Um den Begrenzungen des Quotensystems auszuweichen, internationalisierten starke T&B-Herstellerländer (z.B. aus Japan, Taiwan oder Süd-Korea) ihre Produktion – mit der Folge, dass ca. 160 Produktionsländer entstanden, die bis heute um die Hauptabsatzmärkte (USA, EU und Japan) gegeneinander konkurrieren.
Dieser Wettbewerb geriet T&B-Handels- und Markenunternehmen wie z.B. Wal-Mart, Aldi oder adidas zum Vorteil, denn beim globalen Warenbezug konnten sie unter günstigen Zulieferern und Lieferländern auswählen und diese gegeneinander ausspielen, um die Kosten zu senken. Die Leidtragenden waren die Beschäftigten in den weltweiten Kleiderfabriken, auf deren Rücken der Wettbewerb ausgetragen wurde. Die soziale Abwärtsspirale als Folge dieser Internationalisierung ist Gegenstand zahlloser Studien und Publikationen, die in den letzten Jahren veröffentlicht worden sind.
Das Quotenregime des GATT hat einerseits Länder mit einer starken T&B-Industrie (wie z.B. China) gebremst und Exporteinnahmen geschmälert, andererseits wettbewerbsschwächeren Ländern wie z.B. Bangladesch oder Kambodscha den Aufbau von T&B-Industrien erleichtert, deren Exporte in Industrieländer durch das Quotensystem relativ geschützt waren. In einigen dieser Länder wuchs die T&B-Industrie zum Hauptwirtschaftszweig heran – bis hin zu einer extrem hohen Abhängigkeit der T&B-Exporte an den Gesamtexporten, die sie für Schwankungen auf dem Weltmarkt sehr verletzlich machten.
Mit der Gründung der WTO 1995 begann die Laufzeit des zehnjährigen Welttextilabkommens, durch das der T&B-Handel in mehreren Stufen liberalisiert wurde. Nach dem 31.12.2004 wurde der T&B-Handel den normalen Liberalisierungsregeln der WTO unterworfen.
Erwartungsgemäß stieg ab Januar 2005 der T&B-Export Chinas als weltweitem Spitzenanbieter dieser Industrie rasant an. Im Vergleich zum Vorjahr wuchsen die chinesischen Exporte in die USA 2005 um 47%, in die EU um 43%. Gleichzeitig stieg der Marktanteil Chinas an den weltweiten Bekleidungsexporten von ca. 20% auf fast 27% an.
Aufgrund dieses Booms verhängten die USA, die EU, die Türkei, Brasilien und Südafrika neue Quoten gegen China, die bis Ende 2008 bzw. im Falle der EU bis Ende 2007 gültig sind. Die neuen Quoten fußen auf Bestimmungen des Beitrittsprotokolls Chinas zur WTO von 2001, die erneute Mengenbeschränkungen gegen China-Importe im Falle erheblicher Marktstörungen bis 2008 erlauben. Auch nach 2008 sind noch Handelseinschränkungen gegenüber China möglich, wenn auch in kleinerem Ausmaß. Erst ab 2015 kann von einer vollständigen Liberalisierung des T&B-Weltmarkts gesprochen werden.
Die neuen Quoten bis Ende 2008 bieten denjenigen Ländern, die nach dem Auslaufen des Welttextilabkommens große Verluste verzeichneten bzw. zukünftige Risikoländer sind, eine Atempause. Zu den Verlierern gehören vor allem Entwicklungsländer aus Lateinamerika und Afrika, aber auch aus Asien und dem Mittleren Osten, wie z.B. Mexiko, Guatemala, Honduras, El Salvador, die Dominikanische Republik, Südafrika, Namibia, Mauritius, Nepal und die Mongolei. Sie alle erlitten 2005 Exporteinbußen - z.T. bis 13%. Einige asiatische Länder konnten ihre Exporte in die USA zwar steigern, verzeichneten jedoch gleichzeitig Verluste mit Blick auf die EU, wie z.B. Bangladesch, Indonesien und Kambodscha. Auch wurden Exportsteigerungen häufig in den Produktkategorien erreicht, die im Handel mit China den neuen US- und EU-Quoten unterliegen. Das bedeutet, dass diese Exporte Ende 2007/2008 unter Druck kommen werden, da die chinesische Industrie produktiver und kostengünstiger ist. Außerdem waren Exportsteigerungen nicht zwangsläufig mit einem Wertzuwachs identisch, da die Preise von T&B-Produkten fielen. Von Januar bis Mai 2005 z.B. sanken die Stückpreise der zuvor quotierten T&B-Importe der EU aus Bangladesch um 15,2%, aus Pakistan um 8,9% und aus Thailand um 7,4%. Auch kam es weltweit sowohl in Verlierer- als auch in Gewinnerländern zu Fabrikschließungen, Arbeitsplatzverlusten und einer Verschlechterung von Arbeitsbedingungen, so dass eine Nachhaltigkeit erster positiver Entwicklungen in einigen asiatischen Ländern seit Anfang 2005 bezweifelt werden muss.
Unter den Tausenden von Beschäftigten der weltweiten T&B-Industrie, die seit 2005 durch Fabrikschließungen und Produktionsverlagerungen ihre Arbeit verloren haben, waren z.B. in Südafrika bis heute fast 70.000, in Indonesien mehr als 100.000 Menschen betroffen. Da zu den weltweiten sozialen und beschäftigungspolitischen Auswirkungen des liberalisierten T&B-Handels keine systematischen Datenerhebungen durchgeführt werden, gibt es lediglich Schätzungen über den Gesamtumfang der Jobverluste. Sie belaufen sich auf annähernd 300.000. Nach Ablauf der neuen Quoten 2008 muss in zahlreichen Ländern ein noch weit höheres Ausmaß an Arbeitsplatzvernichtungen befürchtet werden.
Multinationale Unternehmen straffen ihre globale Beschaffung
Ohne den Zwang von Quotenregelungen haben multinationale Unternehmen damit begonnen, ihre globalen Lieferketten zu verkürzen und ihre Beschaffung auf weniger Länder und Lieferanten zu konzentrieren, um Zeit und Kosten zu sparen. Das Unternehmen adidas hat z.B. in den letzten beiden Jahren über 200 globale Zulieferer ausgemustert und richtet die Beschaffung vor allem auf 5-6 strategische Länder aus. Die Verantwortung dafür, was mit den übrigen Lieferanten und Beschäftigten geschieht, wird weitgehend auf lokale Industrien und Regierungen abgeschoben.
Drohende Fabrikschließungen und Produktionsverlagerungen an kostengünstigere Standorte wirken vor diesem Hintergrund als Druckmittel gegen Beschäftigte. Der stärkere internationale Wettbewerb unter den Produzenten fördert Einkaufspraktiken von multinationalen Einkaufsunternehmen gegenüber Lieferanten, die sich an den kostengünstigsten Standorten orientieren. Dieser Druck in Form von Preisen, Flexibilität und Lieferfristen wird an die Beschäftigten weitergegeben, die steigende Verletzungen grundlegender Arbeitsrechtsstandards beklagen. Chinesische ArbeiterInnen der T&B-Industrie, die meist aus ländlichen Regionen stammen und dort registriert sind, leben in den Städten oft illegal, entbehren jeglichen sozialen und arbeitsrechtlichen Schutzes und werden extrem ausgebeutet. Doch die Wettbewerbsfähigkeit Chinas beruht über diese Ausbeutung hinaus auch auf anderen Faktoren, die die meisten Konkurrenten nicht bieten können: China verfügt über einen fast vollständigen Produktionszyklus im Land, eine Stoff- und Bekleidungsherstellung auf hohem technischen Niveau, eine gute Infrastruktur und ein Netz staatlicher Subventionen. Nach Schätzungen könnte China innerhalb weniger Jahre seinen Weltmarktanteil von heute fast 27% auf mehr als 50% steigern.
Seit dem Ende des Welttextilabkommens 2004 wurde der internationale T&B-Handel in die WTO-Verhandlungen über den Marktzugang nicht-landwirtschaftlicher Produkte (Non-Agricultural Market Access = NAMA) integriert. In diesen Verhandlungen ist noch offen, ob der T&B-Handel dort als Sonderfall gelten soll, bei dem Ausnahmeregelungen von den angestrebten allgemeinen Zollsenkungen vereinbart werden, oder nicht. Parallel zu den generellen WTO-Verhandlungen sind jedoch auch die NAMA-Verhandlungen seit 2005 ins Stocken geraten, so dass neben der zukünftigen Handhabung der Zoll- auch die Präferenzpolitik im internationalen T&B-Handel noch in der Schwebe ist. Einige der bisher verhandelten NAMA-Zollsenkungsformeln jedenfalls wären für viele Entwicklungsländer mit wettbewerbsschwachen T&B-Industrien, die heute ihre Märkte mit hohen Zöllen gegen Billigimporte noch schützen, gravierend. Nach der Schweizer Zollsenkungsformel z.B. sollen höhere Zölle stärker gesenkt werden als niedrigere Zölle und so eine Harmonisierung angestrebt werden. Dadurch würden auch Zollpräferenzen wegfallen bzw. eingeschränkt, die viele Entwicklungsländer heute von Industrieländern eingeräumt bekommen. Bereits aus diesem Szenario wird deutlich, wie bedroht die Situation von Entwicklungsländern, T&B-Industrien und Beschäftigten ist, sollten sich Vorstellungen wie diese durchsetzen.
Unter den Bedingungen der internationalen Standortkonkurrenz sind die gängigen neoliberalen Rezepte für die in zahlreichen Entwicklungsländern bedrohten T&B-Industrien keine Lösung: Die Entwicklung einer höheren Produktivität und internationalen Wettbewerbsfähigkeit, wie sie z.B. die OECD und die WTO fordern, kann im Kampf von über 100 Produktionsländern um wenige Absatzmärkte nur wenigen gelingen, und dies auch erfahrungsgemäß nur um den Preis der Verletzung elementarer Sozialstandards. Auch gelang es bisher nur relativ wenigen Ländern, die vorherrschende Exportorientierung der T&B - Produktion als Anstoß für eine Entwicklung der Binnenwirtschaft zu nutzen.
Gegen die drohenden sozialen Verwerfungen eines liberalisierten internationalen T&B-Handels haben seit 2003 zahlreiche Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Gruppen weltweit Veranstaltungen durchgeführt. Im Vordergrund ihrer Forderungen stand dabei:
Seit 2004 setzt sich das internationale »MFA Forum« dafür ein, dass negative Folgen des Endes des Quotenregimes im internationalen T&B-Handel vermieden bzw. abgemildert werden. Zum »MFA Forum« gehören Marken- und Einzelhandelsunternehmen wie Nike und GAP, internationale Organisationen wie die ILO und UNDP, Gewerkschaften wie die ITGLWF, Nichtregierungsorganisationen wie Oxfam und das Maquila Solidarity Network und Kodex-Überprüfungseinrichtungen wie die Ethical Trading Initiative und die Fair Labor Association. Neben der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen hat das »MFA Forum« bisher in verschiedenen Ländern wie Bangladesch und Lesotho Konferenzen durchgeführt mit dem Ziel, seine Forderungen umzusetzen. In seinem Aktionsplan vom März 2005 hat das »MFA Forum« detaillierte Vorschläge an die Adresse von Industrien, Regierungen, Marken- und Handelsunternehmen, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen und internationale Organisationen formuliert.